Nicht warten: Kulturrevolution von innen UND außen
Schulreform als Teamwork
"der systemwechsel ist zwar eine schulische angelegenheit, kann aber nur kulturell (von außen) initiiert werden."
So lautet ein Tweet von @schb, einem Wuppertaler Lehrer und Lernen2.0-Pionier, und dieser Satz ist vielfach bemerkenswert.
Unter Idioten
Denn Felix sagt damit: "Hey you guys from outside, help us in school! We are among idiots, who will never change school from inside!"
(Natürlich würden diverse Lehrer jetzt wieder einen Schreikrampf wg falscher Zitation bekommen; aber ich lese das "nur von außen initiiert werden" mal so. Sind ja in einem freien Land und nicht auf der Schulbank sitzend.)
Was Felix da sagt, heißt: Lasst uns, bitte, nicht allein da drin mit den Lehrern, die nichts verändern wollen.
Und Nein, das ist überhaupt nichts besonderes - es ist eine Binse, dass ca. 60 Prozent der Lehrer veränderngsresistent sind, kompletto immun gegen ANYTHING DIFFERENT. Siehe Schaarschnmidts Studie, altbekannt, aber aktuell wie je.
Aber ja, Felix Satz ist dennoch eine Sensation - weil endlich mal ein Lehrer ÖFFENTLICH ausspricht, was ohnehin alle wissen.
Aber das ist eigentlich weniger wichtig.
Was ist oben, was ist außen?
Was mir an dem Tweet auffiel, war das Missverhältnis und -verständnis von innen und außen. Klar hat Schubi total recht, wenn er von einem fundamentalen Kulturwandel des Lernens spricht, den es braucht, um Schule zu verändern. Schule muss auf den Kopf gestellt werden oder gerne auch umgekehrt vom Kopf auf die Füße. Wenn ich den Satz der wunderbaren Schreiblehrerin Ute Andresen nehme: "Wieso wird jeder Gegenstand so fad, wenn er schulförmig wird?" - dann weiß man wieder, wie verkehrt Schule ist.
Kulturwandel von den Rändern
Und sicher wird dieser Kulturwandel von den Rändern kommen wie jede Innovation in der Regel von da stammt. Also lexikalisch gesprochen von dem Außen, das um die Schule rum ist, die sich wie eine Wagenburg anfühlt. Das Außen ist nicht nur die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Vereine, die Menschen, selbst die Eltern. Dummerweise ist es auch das dumme Oben, die KuMis, die Politik, die irgendwie gar nix kapiert. Ist doch so.
Gibts drinnen kein Außen?
Aber gibts denn drin in der Schule kein Außen? Sind die Reformkräfte drinnen wirklich so schwach oder unselbstbewusst? Mensch Leute, wie viele Schulen haben sich am eigenen Schopf aus dem Vorschriften- und "ES-GEHT-NICHT"-Sumpf gezogen!
Es wird den Systemwechsel nicht von oben geben, njet, never, nein! Dazu ist außen zu viel Oben. System meint Auslese, Schlechtmachen, Rauswerfen, Abschulen, aber es ist auch sooooo naiv zu glauben, dass ALLEIN die ewige Dreigliedrigkeit der Schulformen und die bösen bösen Kultusminister es wären, die den Lehrer zwängen.
Die auch, klar! Aber der Auslesebazillus ist längst hineingekrochen in die Hirne und Herzen der Lehrer wie der teuflische Guinea-Wurm in die Körper der Menschen in Afrika.
Gesamtschule mit isolierter Schnelläuferklasse
Jüngst hat mir eine Gesamtschullehrerin voller Stolz erzählt, an ihrer Schule sei gerade ein eigener G8-Zug eingrichtet worden - ab der siebten Klasse werden diese Kinder zum Abi getrackt, ohne Feindberührung am doofen Rest vorbei auf der Überholspur. Gesamtschule 2011. Joghurt hat doch Knochen.
Pionier ruft um Hilfe
Was das verrückte an Schubis Einwurf ist: Selbst ein Pionier ruft um Hilfe, obwohl er wissen könnte, dass von außen nicht viel kommen wird, außer ultraorthodoxen Interventionen der falschen Doktoren wie KMK-Präsident Althusmann: Hauptschule heißt jetzt Twix, und sortiert wird auch in der Oberschule. Gehts noch?
Felix @schb ist das Beispiel für einen Lehrer im Aufbruch, er will woanders hin, er weiß, die seinen werden nicht mitziehen, er sucht nach anderen Verbündeten. Und auch wenn sein Ausruf Teil der erlernten Hilflosigkeit ist, unter denen die lehrerseminargestählten Anstaltsverwalter leiden, so ist sie dennoch nur noch einen Schritt von Obama weg: Ja, wir könnten das!
Wechselseitiges Aufschaukeln
Schulreform oder, grundsätzlicher, Systemwechsel, entsteht durch ein wechselseitiges Aufschaukeln der Reformer drinnen und draußen, oben und unten. Und der Zündfunke wird dann evtl. ein ganz banaler sein: Vielleicht ein Flashmob, der die Schule oder einen dieser Super-Duper-Kultusminister lahmlegt? [Idee geklaut :-)]
Aber, Schubi, ihr da drinnen und wir da draußen, wir können nicht auf den jeweils anderen warten, ehe wir die Kulturrevolution des Lernens beginnen. Wir brauchen uns schon. Aber jeder kann ja schon mal anfangen.
P.S. Gerade schrieb mir eine tolle Lehrerin, dass manchmal schon ein einziger Lehrer den Unterschied macht. Wenn er mutig ist und ein bisschen Ermutigung und Support bekommt. Das isses!
- 2 Kommentare


Wo stehen die Eltern?
Lieber Ciffi, was mir fehlt: Wo stehen die Eltern, innen oder außen im Moment? Wo sollten sie stehen? In der neutralen Mitte, was sich eigentlicht ausschließt,als Elternteil.
Schulleitung
Gibt es ein positives Entwicklungsbeispiel einer Schule, bei der die *Schulleitung* nicht inaktiv, federführend oder zumindest nicht kontraproduktiv war?
Der einzelne Lehrer bewirkt nichts, wenn nicht zumindest die Schulleitung wenigstens "nicht hinsieht" oder aktiv fördert - dazu gehört auch eine Personalpolitik. Personal gibt es bloß nicht mehr so üppig viel am Markt, gerade auf dem Land.
Gruß,
Maik