Lustvolle Selbstunterwerfung
Analysten, Börsen, Kunden – die Welt ist besoffen von Apple-Produkten. Und unterwirft sich freiweillig Standards und Bedingungen. Aber ein jailbrake wird kommen
VON CHRISTIAN FÜLLER
Süßer die Äpfel nie waren. Keine Woche, nachdem der kalifornische Hersteller von Computern mit Flair einen neuen Markt ins Visier genommen hat, verkündete er nun die Quartalszahlen. Nein er röhrte sie hinaus, 37 Millionen smartphones verkauft, 15 Millionen Tablets, der Umsatz allein des Weihnachtsquartals 2011 liegt über dem Gesamtergebnis des Jahres 2009.
Apple ist bereits ein Weltmarkt-Gigant, aber das Wachstum scheint unbegrenzt. Auch die Kontrahenten Microsoft und Google, die selbst Mega-Player sind, können da nicht mit.
Jedenfalls scheint es so. Ein kleiner Blick auf den Teilmarkt der iPods zeigt aber, dass auch globale Märkte Sättigungen hinnehmen müssen. Minus 20 Prozent! Sollte so ein Ergebnis beim Kassenschlager iPhone eintreten, und das muss ja so sein, weil sich nicht mal Telefonjunkies alle drei Monate ein neues Handy kaufe, dann wehe dem, was die Analysten verbreiten werden. Schon als Steve Jobs ins Grab sank und Tom Cook den Joystick weiterreichte, unkten die Business- und Tech-Kassandras: jetzt kann's nur noch bergab gehen. Ein Tal wird kommen.
Aber der Apfel hat vorgesorgt. Mit dem Abbrennen des Quartalsfeuerwerks IV 2011 wird deutlich, wie strategisch bedeutsam der Angriff auf den Bildungsmarkt vergangene Woche war. Apple füttert damit künftige Kunden an – Schüler. „Wir streben mittelfristig an, den Schülern ihr Tablet mit nach Hause zu geben“, berichtet der Leiter einer Hautschule am Rande des Ruhrgebiets. In der Schule gibt es neuerdings zwei siebte Klassen mit iPads. Einen besseres Marketing für den Kalifornischen Computerhersteller ist schwer denkbar. Die Teenies brechen in regelrechtn Torjubel aus, wenn sie das hören. Fragt man sie aber beispielsweise, ob sie mal einen Moodle-Kurs besuchen wollen (Moodle ist eine an Schulen übliche, relativ leicht zu bedienende Lernplattform), dann fragen sie genervt: „Was ist das denn?“
Aber der Tablet-PC ist nicht nur ein Werbegag. Die Wunderflunder, die inzwischen alle anderen Hersteller auch auf den Markt bringen, ist derzeit das klassenzimmerfreundlichste IT-Endgerät. Der Tablet-PC ist sofort an, er wirkt wie eine natürliche Übersetzung des Buchs ins Digitale – und er enthält eine unendlich steigerbare Anzahl an Applikationen. Derzeit gibt es bereits Tausende solcher Lern-Apps, sie gehen von einfachen Wörterbüchern über Buchschreib-Apps wie „Book Creator“ bis hin zu Überraschungen wie dem App „famous books“ - das niemand anders als die Bayerische Staatsbibliothek herstellt.
In diesen „Treasures of the Bavarian States Library“ finden sich unter anderem gescannte Faksimiles der Gutenberg-Bibel. Das digitale Buch-App frisst gewissermaßen seinen Ahnherrn. Das ist die eine Pointe, die andere, wichtigere ist diese: Apple braucht nicht selber Inhalte herstellen, die Profis für den Content sind die bisherigen. Das heißt, der Standard, den der Apfel setzt, ist kein erzwungener, sondern einer mit hohem Sexieness-Faktor: Wer etwas auf sich hält, stellt ein App her. Den Rest entscheidet der Markt. Und der steht sperrangelweit offen für das iPad, dessen dritte Generation bald auf den Markt kommen wird. Die schönste Diktatur ist immer noch die der lustvollen Selbstunterwerfung.
„Apple hat eine Dekade investiert, um ein komplettes Ökosystem von Hardware, Software und online-Kaufhäusern aufzubauen“, schreiben die Analysten ehrfürchtig, und sie haben ja Recht. Konkurrenz ist möglich – innerhalb des Apfel-Kosmoses, etwa wenn es darum geht, das beste Lern-App herzustellen. Allerdings gibt es keinen Standard, der sich nicht selbst verdauen würde. Schon mokkieren sich die ersten Lehrer-Blogger, die digitalen Buchprodukte seien nicht ausgereift. Wer wirklich etwas auf sich hält, kauft nicht bloß einen Apfel, sondern knackt die Sperren, Sicherungen und Ortungsmechanismen von Big-Brother Steve. Gott hab ihn selig! Aber ein jailbrake wird kommen.
Glasbrechers Schmerzensgeld
Das Erklären von Betroffenheiten im Falle sexueller Gewalt ist beinhahe unüberbietbar groß. Das echte Anerkennen von Schuld und Scham hingegen ist ununterbietbar klein. Die katholische Kirche zahlt Pauschbeträge von 5.000 Euro, Bund und Länder werden wohl noch Jahre brauchen, bis sie sich auf einen gemeinsamen Fonds (wiewohl das Konzept dafür gut ist) geeinigt haben - und die Odenwaldschule, die zum Symbol für brutale und systematische sexuelle Gewalt unter libertären Vorzeichen wurde, diese OSO hat gerade ein demütigendes "Konzept" von 1.000 Euro je Opfer verabschiedet.
Der Verein Glasbrechen e.V. steht für Aussöhnung - aber nicht unter beliebigen Vorzeichen. Er kämpft um die bedingungslose Anerkennung von Schuld - was im Falle der Odenwaldschule offenbar besonders schwer zu haben ist.
Nun hat Glasbrechen sein Schmerzlinderungskonzeot veröffentlicht. Jeder Betroffene soll 7.000 Euro erhalten - und eine Soforthilfe von 2.000 Euro. Für einen so kleinen Verein wie Glasbrechen eine gewaltige Leistung. Und eine vorbildliche. Helfen Sie Glasbrechen, Versöhnung und Verarbeitung möglicher zu machen.
Die Presseerklärung im Wortlaut:
Presseerklärung von Glasbrechen e.V. - ohne Sperrfrist
Opferverein Glasbrechen beginnt mit Auszahlungen an Betroffene
Seit September 2010 hat Glasbrechen e.V. ein Konzept zur opferbezogenen Anerkennungszahlung in enger Zusammenarbeit mit Betroffenen erarbeitet und dessen sofortige Umsetzung auf seiner letzten Mitgliederversammlung am 07.01.2012 einstimmig beschlossen.
Im einzelnen umfasst der Beschluss die sofortige Auszahlung von Euro 7.000,-- an jede/n Betroffene/n, der oder die sich mit einem Antrag auf Anerkennungszahlung bisher an Glasbrechen gewandt hat. Diese Summe soll ab heute als "Schmerzensgeld" zur Anerkennung des an der Odenwaldschule erlittenen Leids infolge pädosexueller Verbrechen ausgezahlt werden.
Zusätzlich wird pro Antragsteller/in ein Betrag in Höhe von Euro 2.000,-- ineinen Fonds für erforderliche Soforthilfe eingezahlt, dies ungeachtet der Tatsache, dass Glasbrechen schon seit seiner Gründung Soforthilfen geleistet hat.
Über den Modus der Auszahlung wird mit jedem und jeder Betroffene/n gesprochen werden müssen, da der von der Odenwaldschule bereits angezahlte Betrag in Höhevon Euro 60.000,-- bei weitem nicht für sämtliche Nachteilsausgleiche ausreichen wird.
Daher fordert Glasbrechen e.V. noch im Januar 2012 von dem Odenwaldschule e.V. eine weitere Zahlung i.H.v. Euro 200.000,--, um möglichst vielen Betroffenen zügig die Anerkennungszahlung vollständig auszahlen und gleichzeitig den Soforthilfe-Fonds anlegen zu können.
Weder die Namen von Betroffenen noch die Anzahl der Anträge zur Anerkennungszahlung werden gegenüber dem Odenwaldschule e.V. offengelegt.
Glasbrechen sichert als mildtätig anerkannter Verein allen Betroffenen der pädosexuellen Gewalt an der Odenwaldschule eine verantwortungsvolle, der absolutenVerschwiegenheit verpflichtete Vorgehensweise beim Umgang mit den jeweiligenAnsprüchen auf Anerkennungszahlungen und Schmerzensgeld zu.
Die Zahlung von 7.000,-- Euro ist als erste, spürbare Zahlung an Betroffene gedacht, und wird lange noch nicht das Ende unserer Bestrebungen darstellen. Glasbrechen e.V. wird weiter kämpfen für eine realitätsnahe Erstattung von Therapiekosten etc. und damit für eine vernunftsbezogene, gleichzeitig mitfühlende Aussöhnung der Odenwaldschule mit ihren Opfern.
Glasbrechen bietet des weiteren allen interessierten Institutionen Gespräche mit unserer Präventionsgruppe an.
Für den Vorstand und die Mitglieder des Vereins Glasbrechen am 16. Januar 2012 Adrian Koerfer
OER-Plattformen bauen – nicht Trojaner!
Lehrerverbände lassen sich von Kultusministern und Schulbuchverlegern hinter die Fichte führen
Willkommen, Herr Lehrer, in der richtigen Politik. Die Lehrerverbände Philologenverband, GEW und VBE haben sich beim Gespräch über den Rahmenvertrag zu § 53 Urheberrechtsgesetz (kurz: Baubeschluss für den „Schultrojaner“) hinter die Fichte führen lassen.
Als das Gespräch (u.a.) mit den Schulbuchverlagen, dem Kultusminister-General Udo Michallik und der VG Wort zuende war, konnte es den Lehrervertretern gar nicht schnell genug gehen zu verkünden, die Trojanergefahr sei gebannt, jetzt beginne die Suche nach Alternativen. Das sollte wohl heißen, so die Botschaft an die Bürger und die Lehrer: Der Trojaner wird gestoppt. Die Programmierung einer Spähsoftware, die Schul- und damit auch Lehrerrechner nach digitalen Kopien filzt, wird beendet.
KMK und Schulbuchverlage bewegen sich keinen Millimeter
Aber, äh, nichts von alledem! Das wäre auch zu schön gewesen. Die Konferenz der Kultusminister (KMK) und die Buchverlage haben sich in Wahrheit keinen Millimeter bewegt. Sie haben einfach das Bestehende zum Neuen umetikettiert.
Man muss nur die Euphorie-Blasen der GEW neben die knochtrockenen Erklärung der KMK legen, dann weiß man, wer Hase und wer Igel ist. Die GEW meint, sie hätte durch ihr Engagement irgendwas verhindert: „2012, so das Ergebnis des heutigen Gesprächs im Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK), werde keine Schnüffelsoftware eingesetzt.“
Verlage basteln munter an ihrem Schultrojaner
Das ist, mit Verlaub, Quatsch: Die Verlage basteln munter weiter an ihrem Trojaner. Dass er 2012 nicht kommt, hat mit der Komplexität der Aufgabe und verlageinternen Querelen zu tun – aber nichts mit irgendwelchem Lehreraufbegehren. Die „beschriebene 'Scansoftware' wird nach Einschätzung der Vertragspartner bis auf Weiteres, jedenfalls nicht im Jahr 2012, zum Einsatz kommen“ - aber nur, weil sie schlicht noch nicht fertig ist. Die Botschaft der KMK-Erklärung heißt nicht, „wir haben uns getäuscht“, nein, dort steht: „Der Vertrag ist gut! Der Trojaner wird gebaut! (Es daurt nur ein bisschen.) Das Urheberrecht ist wichtig!“
Kein Wort zum intelligenten Lernen mit 2.0-Bausteinen
Das bemerkenswerte an der KMK-Erklärung ist folgendes: Es steht dort mit keinem Wort erwähnt, dass Lehrer intelligenten Unterricht mit digitalen Bits aus dem Netz machen sollen! Die KMK predigt Dienst nach Vorschrift – der Betrieb läuft halt (schlecht) weiter, so heißt die subkutane Mitteilung.
Man muss sich nur beiden Alternativen zum Trohjaner anschauen, um die ganze Blauäuigigkeit der Lehrerverbände zu entlarven: Es heißt bei der GEW, alle Beteiligten arbeiteten an Alternativen. Aha, was sind die Alternativen? Derer gibt es zwei: „open educational resources“, also frei zugängliche Lernmaterialien im Netz – und mehr Geld.
Weiter "best of schoolbook" zusammenkopieren
Das hieße also: Statt des Trojaners wird der kollaborative Markt für „open educational resources“ vorangetrieben. Denn tatsächlich steht die Lehrer2.0-Crowd um @herrlarbig in den Startlöchern, um die CC- und OER-Plattformen mit intelligenten Lernbaustein zu füllen. Und es gibt mehr Geld für Lehrer1.0, um sich weiter seinen Unterricht als ein „best of schoolbook“ zusammenzukopieren.
Allein, diese beiden Aufgaben haben weder die Kultusminister noch, pardon, die hypermoderne GEW auf dem Schirm. Oder gibt es etwa eine Lernen2.0-Abteilung unter den organisierten Lehrern? Oder kennt General Michallik schon jene Abteilungen seiner Minister, die OER denken? Und die andere Alternative, mehr Geld, ist billig zu haben – als Forderung. Die GEW hat im übrigen noch nie etwas anderes gefordert.
Das Lernen der Zukunft, kollaboratives, crowd-basiertes forschendes Lernen, das zugleich sehr individuell ist, steht vor der Tür. Nur: Hinter der Tür steht nicht die GEW, nicht 600.000 Lehrer, und schon gar nicht die KMK. Sondern eine ziemlich intelligente, aber auch ziemlich kleine Gruppe von Twitter-Teachern. Sie warten auf Couragierung und konkrete logistische Hilfe, etwa durch eine Crowd-Source-Plattform, aufgebaut durch die KMK. Aber das Gegenteil ist der Fall: Nicht die OER-Plattform wird gebaut, sondern, mit Verlaub ein trojanisches Pferd, das so hölzern ist wie seine mythologischer Vorfahr. Das ist das durchaus ernüchternde Ergebnis des Gesprächs am 13.12.11.
Zu sehen hier, in der Dokumentation: Erklärung der Kulktusminister nach dem Schulbuchgespräch am 13. Dezember 2012:
Kultusministerkonferenz: Handlungsfähigkeit der Schulen, Datenschutz und Schutz des geistigen Eigentums oberstes Gebot
In Berlin haben sich heute Vertreterinnen und Vertreter der Länder, der Lehrerverbände und der Rechteinhaber erneut mit dem „Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen gem. § 53 UrhG“ befasst. Die Gesprächspartner sind sich einig, dass mit dem Vertrag grundsätzlich ein Rechtsrahmen geschaffen ist, der die Schulen handlungsfähig macht, Rechtssicherheit schafft und der zugleich die Rechte der Verlage und Autoren schützt.
Der Gesamtvertrag regelt Möglichkeiten von Vervielfältigungen für den Unterrichts- und Prüfungsgebrauch aus urheberrechtlich geschützten Werken. Er schafft eine rechtliche Grundlage dafür, dass Schulen in bestimmtem Umfang auf urheberrechtlich geschützte Inhalte zugreifen und diese ohne bürokratischen Aufwand für die Schule nutzen können. Ohne diesen Vertrag müsste jede Schule im Hinblick auf Unterrichtswerke zunächst bei dem betroffenen Verlag die Erlaubnis zum Kopieren einholen und dann einzeln mit dem Schulbuchverlag abrechnen. Dieses Verfahren beträfe rund 43.000 Schulen, 90 Verlage und 40.000 Verlagsprodukte.
Die in § 6 Absatz 4 des Vertrages beschriebene „Scansoftware“ wird nach Einschätzung der Vertragspartner bis auf Weiteres, jedenfalls nicht im Jahr 2012, zum Einsatz kommen. Die Vertragspartner verabredeten, im ersten Quartal 2012 ein weiteres Gespräch zu führen, um mögliche Alternativen zu diskutieren. Alle Gesprächsteilnehmer waren sich einig, dass das geistige Eigentum zu schützen sei und die Rechte der Verlage und Autoren, vor allem auch der beteiligten Lehrkräfte, gewahrt werden müssen. Die Lehrerverbände werden weiter in die Gespräche einbezogen.
10 Jahre Pisa: Das Irren und Wirren der Kultusminister
Vor zehn Jahren erschien die erste Pisastudie. Sie zeigte, wo die Bruchstelle des deutschen Schulsystem liegt: Es gibt zu viele Risikoschüler. Aber die Kultusminister haben die Informationen aus Pisa zu allem benutzt – nur nicht zum Steuern. Inzwischen ist in vielen Bereichen das blanke Chaos ausgebrochen: zerplitterte Lehrerbildung, Schulformchaos, Zuständigkeitswirrwar. Die Bürger fliehen aus dem staatlichen Schulsystem
VON CHRISTIAN FÜLLER
(Links zum Originalmanuskript des SPON-Textes vom 2. Dezember Zehn Jahre Wirrwarr und zum Mindmap für das DRadio-Interview mit Peter Kapern)
Pisa war generalstabsmäßig vorbereitet. Am Abend bevor aus Goethe ein Bildungsverlierer wurde, versammelte ein gewisser Andreas Schleicher drei Dutzend Journalisten in Berlin zu einem Seminar in empirischer Bildungsforschung. Zwei Stunden lauschten die Reporter gebannt dem Herrn mit dem rotmelierten Schnäuzer. Sie erschauderten vor den PowerPoint-Seiten, die der Chefstatistiker der OECD an die Wand warf. Die Grafiken und Tabellen waren schön bunt – und zeigten mit mathematischer Präzision den Abstieg einer Kulturnation. Das Leitbild der Deutschen bekam einen neuen Namen: Der Risikoschüler. Kann Texte entziffern, versteht aber nicht, was drin steht.
"Dummkopf!"
Es ist der 3. Dezember 2001. Am Tag darauf stellte die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit, kurz OECD, das erste „Programme for International Students Assessment“ vor, heute als Pisa-Studie nirgendwo auf der Welt besser bekannt als in Deutschland. Ein Vergleichstest der Schulleistungen 15jähriger Schüler aus aller Welt. Die Neuntklässler im Herzen Europas, die Deutschen, sie schnitten miserabel ab, und die Journalisten sollten eine Nacht drüber schlafen können, ehe sie den Schock verbreiteten: 23,8 Prozent der 15jährigen können nicht sinnvoll lesen; der Abstand zwischen den Leistungen der Schulen - nirgendwo größer als in Deutschland. Die Schere zwischen guten und schlechten Schülern – einer Demokratie nicht würdig. „Dummkopf!“, titelte der Economist. #
Für die Deutschen war Pisa fortan nicht mehr eine Stadt in Italien. Sondern eine Studie, die sie ins untere Mittelfeld auf Platz 22 von getesteten 32 Nationen katapultiert hatte. #
Landschildkröte KMK sprintet
Die andere Seite indessen war mindestens so gut vorbereitet wie die OECD und die Journalisten: Die Kultusminister – das sind die in Deutschland für Schule politisch Verantwortlichen – taten, was ihnen niemand zugetraut hätte. Sie, die man bis dahin ungerügt als griechische Landschildkröten verspotten konnte, ergriffen Notmaßnahmen. Sofort. Jedenfalls fällten sie Beschlüsse, noch bevor die Pisa-Nachricht komplett verstanden worden war. Es waren im wesentlichen drei Beschlüsse, die die „Ständige Konferenz der Kultusminister“ fasste:
* Erstens verabschiedeten die Kultusminister sieben so genannte Handlungsfelder von Kindergarten bis Migranten, von Sprachtests bis Unterrichtsqualität
* Zweitens kündigten die 16 Minister an, dass jetzt sehr fix die Lehrerbildung verbessert werden müsse.
* Und drittens verbaten sich die Kultusminister kategorisch, dass irgendjemand über die Schulformen diskutieren dürfe. Die ideologische Debatte über die dreigliedrige Schule habe keinen Sinn, hieß es. Die weltweit einmalige – von Österreich abgesehen – Dreiteilung junger Bürger im Alter von zehn Jahren auf verschieden gute Schulen, sie durfte kein Grund für das verheerend schlechte deutsche Pisaergebnis sein.#
Differenzielle Lernmilieus
Dabei treibt genau die frühe Sortierung der Schüler mit zehn Jahren in gute, mittlere und schlechte Lerngruppen, also in Gymnasium, Realschule und Hauptschule die Leistungen ihrer Insassen nachweislich auseinander. [Baumert, Jürgen (2006): »Schulstruktur und die Entstehung differenzieller Lern- und Entwicklungsmilieus«. In: Herkunftsbedingte Disparitäten im Bildungswesen Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 95–180)] #
Die Nation akzeptierte die Lektion. Die Schulformen blieben tabu. Noch heute müssen Teilnehmer von Polit-Talkshows im Abendprogramm damit rechnen, dass man sie auffordert: Diskutieren sie, bitte, nicht über die Schulformen! #
Niederschmetternde Sprachtests
Was war mit den anderen Beschlüssen? Die sieben Handlungsfelder erinnert heute kaum noch jemand. Sie betrafen zwar irgendwie die richtigen Punkte. Kindertagesstätten etwa sollten zu Bildungseinrichtungen werden, Migranten besser im Sprachenlernen gefördert werden und so weiter. Allein, das Steuerungswissen, das Pisa angeblich geliefert hatte, es wurde von den 16 Kultusministern immer je anders interpretiert.
Die Sprachtests zum Beispiel hießen in jedem Bundesland anders, Bärenstark, Delfin oder Deutsch+ und sie untersuchten jeweils andere Altersstufen von Kindern. Nur zwei Dinge waren gleich: Diese Ergebnisse Sprachstandserhebungen waren so niederschmetternd, dass die bereitgestellten Millionenbeträge für die frühe Sprachförderung nie ausreichten. Die Minister passten die Lerngelegenheiten also sofort den bereitgestellten Budgets angepasst. Das bedeutet: Nur ein Bruchteil der Sprachlosen bekam effizientes Sprachtraining. #
Chaos Lehrerbildung
Ähnlich verlief es mit der Lehrerbildung. Nach der Studie setzten die Schulminister auf eine erneurte Lehrerbildung. „Dann haben wir ja schon in 30 Jahren bessere Pisaergebnisse“, frotzelte Schleicher. Die Kultusminister rächten sich an dem in Hamburg geborenen Chef der Pisaabteilung der OECD in Paris. Die Minister der deutschen Provinzen erklärten den weltweit geachteten Mister Pisa zur persona non grata – Schleicher durfte eine zeitlang die Pisastudien in seinem Heimatland nicht mehr vorstellen. #
Freilich zeigt sich auf dem Gebiet der Lehrerbildung die ganze Indolenz der Kultusminister: Bis zum Jahr 2020 werden über 400.000 der heute 700.000 LehrerInnen nicht mehr da sein. Genug neue Lehrer aber kann die KMK dank ihrer chaotischen Lehrerbildung gar nicht produzieren. Kein Unternehmen könnte es sich leisten, mehr als die Hölfte seiner Arbeitskraft in den Ruhestand zu schicken ohne neue Leute nachzuziehen – die Kultusminister schaffen das. #
Union zweifelt am Föderalismus
Schleicher ist inzwischen rehabilitiert. Nicht etwa bei den Kultusministern, aber überall im Land. Alle seine Vorhersagen trafen ein: Die Lehrerbildung ist zehn Jahre nach Pisa so wirr, dass selbst Unions-Bildungsexperten sie auf Podien als chaotisch bezeichnen. Und, kaum zu glauben, den Föderalismus infrage zu stellen bereit sind. #
Die Pisaergebnisse haben sich zwar verbessert – aber nur in einzelnen Bundesländern und meistens in der Leistungsspitze. Da, wo das eigentliche Problem für eine demokratische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sitzt, in den Haupt- und Ghettoschulen, wo sich in den Klassen bis zu 90 Prozent Risikoschüler konzentrieren, geht es nur zäh voran, sehr zäh. #
Nur das Bürgertum begreift die Pisa-Lektion
Das Bürgertum, so lässt es sich zusammen fassen, hat seine Lektion aus Pisa gelernt: Es investiert Milliarden in Nachhilfe, es überwacht mehr oder weniger hysterisch den Unterrichtsbetrieb an Regelschulen – und notfalls flieht es das staatliche Schulchaos einfach. Es gibt nicht den großen Run auf Privatschulen, wie immer verkündet wird. Allerdings zeigen Meinungsbefragungen, dass die Bereitschaft der Deutschen, ihre Kinder auf freie, konfessionelle, demokratische, das heißt auf private Schulen zu bringen, sich dramatisch ausgeweitet hat. Heute denken sogar Eltern mit Hauptschulabschluss darüber nach, Privatschulen zu besuchen. Vor zehn Jahren war dies dem gehobenen Bürgertum vorbehalten. #
Im Land hat eine Art fröhlichen Fatalismus' Einzug gehalten. Jede Pisafolgestudie bringt stets die gleichen Ergebnisse: Prägendes Merkmal der deutschen Schule ist erstens, dass sie wenig leistungsfähig ist – also zu viele Risikoschüler produziert. Heute sind es deutschlandweit immer noch 20,9 Prozent. Und das sie zweitens ungerecht ist: Weil sie – bei gleicher Intelligenz und Sprachvermögen – den Kindern gebildeter und reicher Eltern durchgehend bessere Chancen einräumt, zu deutsch: Sie auf Gymnasien empfiehlt. #
Ist das zersplitterte und komplizierte Schulsystem seit Pisa einfacher geworden? Kann man zehn Jahre nach Pisa in Deutschland umziehen, ohne sich Sorgen zu machen, was die Leistungen der Schüler anlangt oder die Ähnlichkeit der Schulformen? Zweimal heißt die Antwort: Nein. Das Tabu der Debatte über Schulformen gilt im Grunde nur noch für Talkshow
12 neue Sekundarschulen!
Unterderhand haben 16 Bundesländer außer Hessen und Bayern begonnen, die zersplitterten Schularten auf zwei Formen zu vereinfachen. Freilich hat der systemimmanente Chaosfaktor der Kultusministerkonferenz zum Gegenteil geführt. Nun regiert die neue Unübersichtlichkeit: Gab es bislang vier weiterführende Schulformen, so sind es heute ein Dutzend, sie heißen Gesamtschule, Gemeinschaftsschule, Sekundarschule, Regionalschule, Stadtteilschule, Oberschule, Mittelschule, Regelschule, Realschule-plus, Werkrealschule, Hauptschule oder Gymnasium.#
Lässt sich mit anything goes die Schulkrise überwinden? Wahrscheinlich nicht. Denn das eigentliche Problem besteht ja darin, dass sich das deutsche Bildungsschiff als steuerungslos erwiesen hat. Auf der Brücke der Titanic stehen 16 Kapitäne und wollen alle irgendwie in eine andere Richtung. Derweil spitzt sich die demografisch wie ökonomisch die Lage zu. Deutschlands Schulen sterben aus, in den großen Flächenländern stehen Tausende Schulen, meistens sind es Hauptschulen, vor dem Aus – weil es schlicht nicht mehr genug Schüler gibt. #
Die Wirtschaft leidet
Am meisten leidet die Wirtschaft. Sie, die jahrelang die Kultusminister vor sich hinwursteln ließ, steht heute vor einem nie gekannten Fachkräftemangel. Nicht mehr nur Ingenieure oder Ärzte fehlen, inzwischen gehen sogar die Auszubildenden aus. Selbst der Dauerpisasieger Bayern produziert zu viele Risikoschüler, um den Nachwuchsmnagel des eigenen Mittelstandes befriedigen zu können. Im bayerischen Deggendorf zum Beispiel, wo 700 offene Lehrstellen einem Heer von Hauptschulabsolventen gegenüberstehen, hat CSU-Landrat Christian Bernreiter daher selbst das Heft in die Hand genommen: Er importiert Azubis – aus der bulgarischen Partnerstadt Deggendorfs. „Wir müssen jetzt aktiv werden. Von allein passiert gar nichts“, sagte er. #
Bürgermeister basteln Schulen für alle
Das ist der Offenbarungseid der Kultusminister. Weil es nicht schaffen, Bildungsarmut zu bekämpfen, basteln sich nun überall im Land Bürgermeister, Landräte und Schulleiter eigene Lösungen. Darin liegt aber zugleich die Chance er zweiten Postpisadekade. Während sich die Kultusminister über die Richtung streiten, nehmen sich Schulen die unerwarteten Freiräume.
Egal ob Nord oder Süd, West oder Ost, die Prinzipien der neuen Schulen sind fast immer die gleichen – es sind die Pisalektionen: Die Schule braucht eine andere Lernkultur. Und: Kein Kind soll zurück bleiben.
In Jesteburg (Niedersachsen) zum Beispiel gibt es eine Inititiative, die eine Schule fordert, die auch das Abitur anbietet, aber kein Gymnasium ist. Eine Art Gesamtschule also. Die lokalen Akteure für die Schule sind der Bürgermeister, die Schulleiterin und ein Grünen-SPD-CDU-Trio der örtlichen Zivilgesellschaft. Der Kultusminister Niedersachsens tritt dort nur in einer Rolle auf den Plan: als Verhinderer. Bernd Althusmann hat die Schule mit der Begründung erst nicht genehmigt, weil sie den falschen Namen hatte: Gesamtschule. Nur als Oberschule mit Haupt- und Realschulzweig hat er sie inzwischen zugelassen. #
Das Abitur ist die treibende Kraft für Schulreformen von unten. Genauer sind es Schulen, die [kursiv] auch [kursiv]das Abitur anbieten. So ist es, wenn in Bayern die Rebellengemeinden Denkendorf und Kipfenberg eine „Schule für alle“ fordern – weil sonst die Schule aus ihrem Ort verschwindet. Oder wenn in Berlin Europas größter Pizzahersteller Freiberger eine Gemeinschaftsschule mit Abiturmöglichkeit propagiert – explizit gegen die örtliche CDU. „Wir brauchen sehr viele verschiedene Qualifikationen, vom Ingenieur bis zum einfach Arbeiter, das kann die Gemeinschaftsschule anbieten – also unterstützen wir diese Schule“, sagt der Chef von Freiberger, Helmut Morent. Er steht der CSU nahe – aber er forderte die Reinickendorfer vor der Wahl dazu auf, in dem Berliner Bezirk nicht CDU zu wählen, weil diese Partei gute Schule aus ideologischen Gründen verhindert. #
Das ist das neue Selbstbewusstsein nach Pisa. Wenn die oben nicht mehr können, dann machen die da unten ihre Schule eben selber.
Sie brauchen dazu kein Steuerungswissen. #
Christian Füller, 47, schreibt über gute Schulen in einem schlechten Bildungssystem. Zuletzt: Die Gute Schule. Beltz 2010. Er bloggt als pisaversteher.de
Lernen2.0 - mehr ist weniger Demokratie
donnerstag findet im kölner betahaus ein speedlab2.0 statt. begleitet von dradio wissen.
eine der olympischen fragen, die dort gestellt wird, lautet: wird lernen2.0 die demokratie höher, schneller, weiter machen?
während ich auf meinem werkstatt-blog ciffis mobiles bureau noch halbwegs optimistische thesen verkünde, muss ich als pisaversteher nach den erlebnissen und debatten der letzten tage skeptischer werden: meines erachtens besteht eine nicht geringe gefahr,
- dass web2.0 zunächst einmal die digtale spaltung der gesellschaft erheblich vertieft
- dazu trägt vor allem auch die twitter-blogger-insider-community bei, weil sie sich exlusiv bis arrogant gibt, weil sie fundamentale pädagogische prinzipien nicht beachtet - und weil sie praktisch unkritisierbar ist
- auf mittlere sicht kann es sogar zu einer re-analphabetisierung bestimmter teile der gesellschaft kommen.
Woran liegt das?
niemand kann bestreiten, welch ungeheures emanzipatives potenzial in den individuell-kollaborativen tools des web2.0 steckt. eigentlich. morgen. wenn, endlich, alle begreifen!
nur: die 2.0szene schottet sich in einem spanische-dörfer-kauderwelsch von der öffentlichkeit ab (siehe z.b. die gute, aber teflonisierte lindnersche sieben-sigel-liste) verstehen kann man das nur, wenn man ein steve jobs-abo hat und seine sozialen kontakte bei facebook und twitter verwaltet.
auch das #speedlab2 wird von den superdupertwitterblogos @cervus bis @440_hz bestallt. manche von ihnen geben als berufsbezeichnung visionär an. oder bildungsberater. oder bildungsaktivist. oder gleich: blogger. (wo ist eigentlich das personalbüro und die lohnbuchhaltung im netz?)
wer sich freilich wagt, schüchtern einwände gegen den akronymisierten elite-sprech der bloggosphere vorzubringen, wird sofort auf die gutenberg-müllhalde der ewiggestrigen verbannt.
was die elektro-szene aber nicht versteht - und vor allem den pädagogen unter ihnen muss man das hart ankreiden -: es gibt nicht nur reaktionäre internetausdrucker und volltrottel im ministeramt, die fragen: "wann ist das internet voll?"
es gibt schülerInnen einer extrem heterogenen provinienz, die auf eine basale alphabetisierung dringend angewiesen sind. die grauenhaften pisaergebnisse lehren uns, dass teilhabe heute in familie, kindergarten und grundschule entsteht - oder gar nicht.
die elementare kulturtechnik dafür ist freilich nicht das 64GB iPad, sondern der schreiblernFÜLLER und ein weicher bleistift. solcherlei schreibwerkzeuge freilich erwähnen meine futuristischen freunde nicht, ohne beiläufig zu boden zu spucken: bäh, gutenberg!
bildschirme haben, das ist eine der - unsagbaren, verbotenen, tabuisierten - thesen, bei kleinkindern und in kindergärten NICHTS verloren. iPad meets kleinkind = desaster. (siehe z.B gelernter in der faz)
jedenfalls habe ich noch kein einziges vernünftiges argument gehört, wie man mit bildschirmen funktionale analphabeten risikominimiert - außer durch ballerei-sedierung.
ich werde das morgen sagen.
stellt die spucknäpfe bereit.
mehr demokratie2.0 ist, sorry, weniger demokratie: abstrakter, fluider, unverbindlicher - ohne anerkennung und selbstwirksamkeit. holy shit2.0.

